Der Wolf

Eine Geschichte (sehr) frei nach den Gebr. Grimm

Der Wolf lag zusammengekauert in seinem Unterschlupf und grämte sich.
Nichts konnte seine trüben Gedanken erhellen. Nicht einmal die Sonnenstrahlen, die sich von einem märchenhaft blauen Himmel ihren Weg durch die dichten Tannenzweige bis in sein Versteck bahnten. Nur ein paar schwache Seufzer hatte er für sie übrig.
In ungefähr zehn Minuten würde es kommen. Dieses kleine Mädchen mit dem roten Käppchen auf dem Kopf und dem Weidenkorb unter dem Arm, in dem sich Kuchen und Wein für die Großmutter befanden.
Ja, der Wolf kannte die Geschichte wohl! Er wusste auch, wie viele seiner Artgenossen im Laufe der Jahrzehnte schon dieser Begegnung ausgesetzt waren – mit immer dem gleichen grausamen Ende. Und heute war er an der Reihe.

Heute sollte wieder eine dieser rotbekappten Gören durchs Revier laufen, die er nach dem Ziel ihres Weges fragen musste. Ganz nebenbei fand er das reichlich idiotisch, wusste er doch genau, wohin sie ging.
Oh nein, fürchten tat sich der Wolf nicht! Er hatte keine Angst! Nicht einmal vor dem Tod! Aber es störte ihn gewaltig, dass er am Ende dieser Geschichte, wie alle seine männlichen Artgenossen in allen Geschichten als der böse Wolf dastehen würde. Böse und tot. Tot? Na gut, sterben musste jeder mal. Aber böse? Das konnte er nur schwer verkraften, weil er im Herzen eigentlich ein lieber Wolf war, der keiner Menschenseele etwas zuleide tun wollte.
Schon als ganz kleiner Wolfsjunge hatte ihn seine Mutter auf seine Bestimmung vorbereitet. Sie hatte ihm immer wieder die Geschichten von seinem Großvater, seinem Vater und seinen Onkeln erzählt. Allesamt waren sie auf die gleiche erbärmliche Weise verendet, wie es auch ihm heute bestimmt war. Mit Ausnahme seines Onkels Ludolf, der musste bei den sieben Geißlein dran glauben.
So, wie seine Mutter ihm die Schicksale seiner männlichen Familienmitglieder geschildert hatte, waren es Heldentode gewesen, die sie sterben mussten. Aber immer waren ihrem Ende diese Schandtaten vorangegangen, die seinem Geschmack ganz und gar zuwider liefen. Da konnte seine Mutter so schön reden, wie sie wollte! Und gelogen hatte Mutter! Die Menschen hatten Hochachtung und Respekt vor den Wölfen, hatte sie gesagt. Alles Unsinn! Die Menschen fürchteten und verachteten den bösen Wolf!
Trotzdem war er bisher immer ein braver, folgsamer Wolf gewesen. Noch mehr, als von den Menschen verachtet zu werden, quälte ihn nämlich der Gedanke, seiner Gattung und damit seiner Mutter Schande zu bereiten. Wahrscheinlich hockte er aus diesem Grund auch hier, anstatt sich zu verdrücken und irgendwo in der weiten Welt sein Glück zu versuchen.
Vielleicht kann ich die Geschichte ja noch umbiegen, dachte er sich in seiner Verzweiflung, ich werde Rotkäppchen sagen, dass ich es blödsinnig finde, sich gegenseitig umzubringen. Das wird sie einsehen und wir gehen gemeinsam zur Großmutter. Wenn sie ein gutes Wort für mich einlegt, darf ich vielleicht sogar eine Tasse Kaffee mit den beiden trinken …
Aber was wird hinterher? Wenn ich zu Mama zurückgehe?
Der Gedanke an seine Mutter versetzte dem Wolf einen ziemlichen Schreck. Wie konnte er ihr nur wieder unter die Augen treten? Sie rechnete doch gar nicht damit, ihn lebend wiederzusehen! Es war ja längst alles für die Trauerfeier vorbereitet. Auch ein Platz im Buch der toten Helden war für ihn schon reserviert! Sicher würde er ihr Schande bereiten und für alle wäre sie nur die Mutter eines feigen Bastards. Soweit durfte es nicht kommen. Er musste sich etwas einfallen lassen.

Dem Wolf blieb keine Zeit mehr, sein Hirn nach einer guten Idee zu durchstöbern. Rotkäppchen nahte! Munter hüpfte das Mädchen von einem Bein auf das andere und trällerte ein fröhliches Lied vor sich hin. Das Lied gefiel dem Wolf so gut, dass er einen Augenblick lang dem glockenhellen Stimmchen lauschte und darüber fast ein wenig froh wurde. Wenn Rotkäppchen so schöne Lieder singen kann, hat es sicher Verständnis für meine Situation, dachte er bei sich. Dann gab er sich einen Ruck, sprang aus dem Unterholz und verbaute dem Mädchen den Weg.
„Guten Tag, Rotkäppchen“, grüßte er in aller Freundlichkeit, die er aufbieten konnte und fügte hinzu: „Wohin so früh des Weges?“ Ja, er hatte seinen Text gut gelernt!
Das konnte er von Rotkäppchen nicht behaupten. Anstatt arglos zurück zu grüßen oder wenigstens etwas Angst zu zeigen, musterte ihn die kleine Göre abschätzig und meinte mit verächtlich herabgezogenen Mundwinkeln: „Na endlich! Wird auch höchste Zeit, dass du auftauchst. Ich dachte schon, du hättest dein Date mit mir verpennt.“
Der Wolf verschluckte sich fast an seiner eigenen Luft. Was war das denn für ein Früchtchen? Wollte die sich über ihn lustig machen? Instinktiv bleckte er seine Zähne. Beinahe vergaß er, dass er ein abgrundtief lieber Wolf war.
„Ich … äh … willst du zur Großmutter?“, stammelte er, um Fassung ringend.
„Klar, ey! Das weißt du doch, Mann“, maulte Rotkäppchen.
Der Wolf mühte sich, dem Kauderwelsch der Kleinen seinen eigenen, richtigen Text entgegenzusetzen. „Was trägst du denn da Schönes in deinem Korb?“, improvisierte er, in der Hoffnung, Rotkäppchen würde endlich etwas ihm Geläufiges darauf antworten.
Stattdessen würgte das Mädchen den Dialog brutal ab. „Hör zu“, sagte Rotkäppchen bestimmt, „lassen wir das lange Herumlabern. Wir wissen doch beide, worum es geht, oder? Also mach dich auf die Socken zu meiner Großmutter. Ich schlage mich noch ein paar Minuten in die Büsche, Blumen pflücken. Dann hast du genügend Vorsprung.“
Der Wolf rührte sich nicht vom Fleck. Entgeistert starrte er das Mädchen an.
„Na los, nun hau endlich ab“, drängelte Rotkäppchen.
„Ich … ich kann nicht“, krächzte der Wolf. „Ich kann das einfach nicht. Ich bin ein lieber Wolf.“
Rotkäppchen warf den Kopf in den Nacken und lachte lauthals auf. „Was? Du und ein lieber Wolf?“, rief sie. „Es gibt keine lieben Wölfe!“
„Aber ich mag die Großmutter nicht fressen“, jammerte der Wolf, „und dich auch nicht.“
„Blödsinn, du musst“, entgegnet Rotkäppchen barsch, „du bist ein Wolf, also wirst du die Großmutter und mich fressen. Das war schon immer so und wird auch immer so bleiben. Da änderst du auch nichts dran. Außerdem wirst du meinen schönen Plan nicht zerstören, nur weil du nicht tun willst, was sich für einen Wolf gehört.“
Der Wolf wurde stutzig. „Was für ein Plan?“, fragte er, denn er war nicht nur lieb, sondern auch neugierig.
Und Rotkäppchen war nicht nur kaltschnäuzig, sondern sie war sich ihrer Sache auch ziemlich sicher. Deshalb erzählte das Mädchen ganz freimütig: „Mensch, bist du blöd! Ist doch ganz einfach. Du frisst die Großmutter und mich. Der Jäger rettet uns und aus lauter Dankbarkeit will Großmutter ihm etwas schenken. Und weil sie mir nichts abschlagen kann, werde ich die Alte dazu bringen, dem Jäger ihr Erspartes zu vermachen. Das ist nicht gerade wenig, glaub mir.“
Der Wolf, nicht nur lieb und neugierig, sondern auch halbwegs bei Verstand, begann zu kombinieren. „Was hast du denn davon, wenn der Jäger erbt?“, fragte er, obwohl er die Antwort schon kannte.
Rotkäppchen grinste. „Der Jäger und ich, wir haben was zusammen. Und wenn er die Kohle bekommt, machen wir uns zusammen aus dem Staub. Ist doch ganz einfach, oder?“
Das war es in der Tat. Der Wolf kochte innerlich. Am liebsten hätte er diese Rotzgöre gleich hier mit Haut und Haaren gefressen. Aber das war an dieser Stelle der Geschichte sowieso nicht vorgesehen, und so wandte er sich ab und suchte das Weite. Er war so zornig und enttäuscht über das Verhalten Rotkäppchens, dass er ernsthaft erwog, ein böser Wolf zu werden. So, wie die Dinge standen, schien es unmöglich, sich aus dem Schatten der Erwartungen und Vorurteile zu lösen. Niemand wollte mit einem lieben Wolf zu tun haben! Je näher ihn seine Schritte aber zu dem Haus unter den drei Eichen trugen, desto mehr flaute seine Wut ab.
„Ich kann es nicht“, sagte er zu sich selbst, „ich werde mit der Großmutter reden. Man sagt, sie hat ein gutes Herz und außerdem ist sie krank und bettlägerig. Sie wird mir sicher zuhören und nicht so patzig sein, wie ihre unerzogene Enkeltochter.“

Er erreichte das Haus und klopfte an die Tür.
„Ja, wer ist denn da?“, kam die Stimme von drinnen.
„Hier ist Rotkäpp … äh, nein, hier ist der böse … ach was, der äh … der liebe Wolf“, stotterte er leise vor sich hin.
„Bist du es, Rotkäppchen? Komm herein, die Tür ist offen“, rief die Großmutter. Der Wolf trat ein und sprang mit einem Satz auf das Bett der Großmutter zu, die vor Schreck aufschrie und sich das Deckbett vor die Augen zog.
„Hör zu, Großmutter“, hechelte der Wolf, „ich muss mit dir reden. Du brauchst keine Angst zu haben.“
„Nein!“, kreischte die Großmutter. „Du willst mich fressen. Ich kenne dich doch!“
„Gar nichts kennst du“, knurrte der Wolf ungehalten, denn die Zeit drängte, „du kennst mich nicht und den Jäger nicht und deine ungehobelte Enkelin schon gar nicht!“
„Bitte, bitte, lieber böser Wolf, mach es kurz“, wimmerte die Großmutter, „und wenn es geht, schling mich ganz herunter, damit der Jäger mich heil wieder aus dir herausholen kann.“
Der Wolf hielt es nicht mehr aus. Er packte die Großmutter mit seinen kräftigen Pfoten und schüttelte sie. „Jetzt lässt du endlich dein Gejammer sein und hörst mir zu!“, brüllte er, so dass die Großmutter schon vor Schreck ganz stumm wurde. Dann erzählte er hastig von Rotkäppchens unmoralischem Plan.
„Das glaube ich nicht“, keuchte die Großmutter. „Du bist der böse Wolf und böse Wölfe sind gemein, hinterlistig und sie lügen.“
Der Wolf ließ von der Großmutter ab. „Es hat keinen Zweck“, murmelte er, „wie ich es auch anstelle, niemand glaubt mir, dass ich ein lieber Wolf bin.“ Deprimiert zog er sich einen Küchenstuhl heran und setzte sich darauf. Den grauen Zottelkopf gesenkt, wartete er auf die Ankunft des Rotkäppchens und des Jägers. Sollten sie ruhig mit ihm machen, was sie wollten.
Als die Großmutter den Wolf so dasitzen sah, bekam sie Mitleid mit ihm. „Ich glaube fast, du bist wirklich nicht so, wie die anderen Wölfe“, sagte sie mit bedauern in der Stimme. „Wenn dir so viel daran liegt, dass ich dir deine Geschichte glaube, Wolf, dann lass uns Rotkäppchen auf eine Probe stellen. Ich verstecke mich im Kleiderschrank und du legst dich, mit meinen Kleidern angetan, ins Bett. Wenn Rotkäppchen dann kommt, wirst du mir beweisen müssen, dass etwas dran ist an deinen Worten. Einverstanden?“
Die Augen des Wolfes leuchteten. Natürlich war er einverstanden! Schnell schlüpfte er in das Nachtgewand der Großmutter, zog sich die Haube über den Kopf und kroch in ihr weiches, warmes Bett. Die Großmutter verbarrikadierte sich unterdessen im Kleiderschrank, den sie einen Spalt offenließ. Dann warteten sie auf Rotkäppchen.

Das Mädchen kam wenige Minuten später. Ohne anzuklopfen und ohne ein Wort des Grußes stürmte es auf das Bett zu.
„Hallo, Wolf!“, rief Rotkäppchen aufgekratzt.
„Ich bin deine Großmutter“, wagte der Wolf einen schüchternen Einwand.
„Jetzt rede keinen Blödsinn“, erwiderte Rotkäppchen, „oder hast du schon mal eine Großmutter mit so großen Ohren, so großen Augen und einem so großen Maul gesehen? Also kommen wir zur Sache: Du frisst mich jetzt und dann schläfst du ein bisschen ein. Und wenn dann der Jäger kommt …“
Der Wolf richtete sich etwas im Bett auf und setzte mit lauter Stimme, so dass es die Großmutter hören konnte, fort: „… wenn der Jäger kommt, schnippelt er mich auf und holt dich und die Großmutter heraus. Dann vermacht die Großmutter aus Dankbarkeit dem Jäger ihr ganzes Vermögen und damit haut der Jäger dann ab. Habe ich das richtig kapiert?“
„Fast“, entgegnete Rotkäppchen kalt lächelnd, „du hast vergessen, dass ich zusammen mit dem Jäger verschwinde, weil er und ich …“
„Das reicht!“, schrie die Großmutter und stolperte aus dem Schrank, „ich habe genug gehört! Nicht eine müde Mark seht ihr, du und dein Jäger! Mach, dass du mein Haus verlässt und lass dich nie wieder hier blicken!“
Rotkäppchen war der Schreck über das plötzliche Auftauchen der Großmutter derart in die Knochen gefahren, dass sie sich ohne ein Wort umdrehte und aus der Tür stürmte. Dabei riss sie fast den Jäger um, der soeben, die Flinte schon im Anschlag, das Haus betreten wollte.
„Und du wage es nicht, einen Fuß über meine Schwelle zu setzen!“, wetterte die Großmutter dem Jäger entgegen.

Der Wolf konnte sich nur wundern, wie aus einer kranken Alten plötzlich ein so energiegeladenes Frauenzimmer geworden war. Amüsiert hockte er im Bett und verfolgte Omas Husarenritt.
Kaum war die Tür hinter den beiden Erbschleichern ins Schloss gefallen, da wandte sich die Großmutter zufrieden dem Wolf zu. „Ja, mein Lieber“, sagte sie, „so, wie es aussieht, hast du mich vor einer großen Dummheit bewahrt. Danke. Wenn du willst, können wir zusammen ein Stück Kuchen essen und ein Gläschen Wein miteinander trinken. Den Korb hat das Luder ja zum Glück hier gelassen.“
Der Wolf ließ sich nicht zweimal bitten und sprang aus dem Bett. Sie aßen und tranken zusammen, erzählten und lachten. Nur selten hatte man eine so muntere Großmutter und noch nie einen so glücklichen Wolf gesehen.

Es war spät geworden, als der Wolf sich endlich verabschiedete. Doch auf dem Weg zur Tür hielt ihn die Großmutter noch einmal zurück. „Ach bitte“, sagte sie, „würdest du endlich meine Kleider ausziehen? Du siehst darin wirklich zu albern aus.“

© Roland Lange, 1990

 

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