Grenzerfahrungen

Wachturm an der ehemaligen DDR-Grenze bei Bartolfelde.

Grenzen bestimmen unser Leben. Wir sehen sie ganz konkret vor Augen, finden sie in unserem alltäglichen Sprachgebrauch. Grenzen sind so selbstverständlich, dass wir sie oft gar nicht mehr bewusst wahrnehmen. Das war und ist in meinen Alltag nicht anders.
Allerdings ist meine Beziehung zu manchen Grenzen vermutlich eine intensivere, als bei den meisten Zeitgenossen. Das liegt daran, dass ich fast mein ganzes Berufsleben als Vermessungsingenieur gearbeitet habe. Meine Aufgabe war es hauptsächlich, Grenzen zu berechnen, zu ziehen, zu überprüfen und durch Markierungen sichtbar für die Betroffenen zu machen. Dank meiner und meiner Kollegen Arbeit haben Menschen zum Beispiel Rechtssicherheit über ihr Eigentum erhalten.
Allerdings habe ich mein „Grenzverhältnis“ nicht nur meinem Brotberuf zu verdanken.

Auszug aus einem vermessungstechnischen Fortführungsriss (Vermessung der DDR-Grenze)

Als jemand, der am Harzrand geboren wurde und aufwuchs, war die Grenze zur DDR, die „mein“ Mittelgebirge durchschnitten hat, immer unterschwellig in meinem Denken präsent. Richtig bewusst wurde mir ihre Existenz spätestens, als ich auch beruflich mit der innerdeutschen Grenze konfrontiert wurde, bis hin zu ihrer Öffnung Jahre danach. Mein Arbeitsgebiet im Katasteramtsbezirk Osterode reichte nämlich bis an eben jenes trennende Konstrukt heran.

Ich erinnere mich noch sehr gut an meine Vermessungsarbeiten in Walkenried. Oft genug habe ich damals die Mittagspausen mit meinen Kollegen im Schatten der Blutbuche verbracht, dort, wo der „Zaun“ die Straße nach Ellrich zerschnitt. Während wir unseren Dienstbus frontal zum Schlagbaum positioniert hatten, wurden wir von den DDR-Grenzern ins Visier genommen und fürs „Familienalbum“ fotografiert.
Oder die erste Dienstfahrt auf den Brocken kurz nach der Grenzöffnung, als wir im Grenzgebiet trigonometrische Punkte zu kontrollieren hatten. Das Gefühl, den Gipfel des höchsten Berges Norddeutschlands zu betreten, war ein ganz besonderes. Und der „Höllenritt“ über Teile des Kolonnenweges, den wir bei dieser Tour unternahmen, treibt mir noch heute den Angstschweiß auf die Stirn.  Der Kolonnenweg, den die DDR-Grenzer mit ihren Fahrzeugen nutzten, das waren zwei gepflasterte Fahrstreifen aus Betonplatten, ohne jeden Geländeausgleich direkt auf den Waldboden der Harzer Berge verlegt, egal, wie steil es bergauf oder bergab ging. Dieser Weg, mit dem ich, auf der Rückbank unseres Dienstbusses sitzend, an jenem Tag Bekanntschaft machte, stellte für meinen Magen eine ernste Bewährungsprobe dar. Spätestens da musste ich erkennen, dass die Berge im Harz keineswegs so harmlos sind, wie sie aus der Ferne wirken.

DDR-Grenze mit Erläuterungen

Die DDR-Grenze ist Geschichte. 2019 jährt sich ihre Öffnung zum dreißigsten Mal. Und doch ist sie für mich immer noch sehr präsent. Das mag daran liegen, dass ich Regionalkrimis schreibe, die im Harz spielen. Da die Handlungen meiner Krimis meist einen Jahrzehnte zurückliegenden Ausgangspunkt haben, komme ich kaum daran vorbei, die Existenz der innerdeutschen Grenze zu erwähnen und in die Handlung einzubeziehen. Meinen Krimi „Todesstreifen“ habe ich sogar ganz diesem Thema gewidmet, indem die Handlung auf die Vermessung eben dieser Grenze in den Jahren ab 1973 aufbaut.

In einigen Tagen erscheint mein neues Buch mit dem Titel „Dunkle Geschichten aus dem Harz“. Vorgabe für das Buch war es, Geschichten zu schreiben, die auf wahren Begebenheiten beruhen. Sie sollten sich, ausgehend vom Ende des 2. Weltkrieges bis etwa in die 1990er Jahre im Harz zugetragen haben. Der Begriff „dunkel“ wiederum durfte in all seinen Bedeutungen aufgegriffen werden.

Kurzer Textauszug aus „Dunkle Geschichten aus dem Harz“

Bei der Recherche für dieses Buch stieß ich auf allerlei kuriose, lustige, oft auch Angst machende und sehr traurige Geschichten. Und die meisten dieser Geschichten hatten mit der DDR und der innerdeutschen Grenze zu tun – zum Teil ganz hautnah. Ich hatte es nicht von vornherein auf diese Thematik abgesehen, aber wenn man im Harz nach besagten Ereignissen und Erlebnissen sucht, lässt sich das wohl kaum vermeiden.

 

Am 21. September 2018 werde ich mein Buch erstmals im Kurhaus in Bad Sachsa der Öffentlichkeit vorstellen und zudem Auszüge aus meinem Krimi „Todesstreifen“ lesen. Der Leiter des örtlichen Grenzlandmuseums wird die Lesung mit Fachinformationen bereichern und über reale historische Gegebenheiten berichten. Es wird, so hoffe ich, ein rundum gelungenes Paket zum Gedenken an eine unsägliche Grenze und die dunklen Geschichten, die sie umranken.

 

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