Pigs on the Farm

Ursprünglich wollte ich ja keine Bücher schreiben, sondern Rockstar werden.

Auf der Bühne stehen und angesichts tausender kreischender Fans, vornehmlich weiblichen Geschlechts, die Saiten der Leadgitarre quälen, das war mein Traum.
Schön, sexy, berühmt – und reich! Was für ein Leben! Weit weg vom ereignislosen Dasein in dem kleinen, unbedeutenden Randharz-Dorf namens Förste.
Vielleicht wäre es ja tatsächlich was geworden mit dem Traum vom gefeierten Leadgitarristen einer angesagten Rockband. Die Sache hatte nur einen Haken. Dieses sechssaitige Instrument ließ sich nicht im Schlaf erlernen. Es klappte einfach nicht, sich abends hinzulegen und morgens als Gitarren-Hero aufzuwachen. Blut, Schweiß, Tränen und viel Zeit waren gefragt – nichts, was ich bereit war, zu investieren. Außerdem waren die anatomischen Voraussetzungen, die Länge und Beweglichkeit meiner Finger betreffend, nicht die besten.

Nun hätte ich meinen Traum aufgeben können. Aber meine Verzweiflung war groß genug, auch nach dem dünnsten Strohhalm zu greifen, der sich mir entgegenreckte.
Und dieser Strohhalm, das waren ein paar Jungs, die vom gleichen Virus infiziert waren wie ich. Ihr Vorteil – sie konnten Instrumente spielen. Also, okay, sie beherrschten so lala  ein paar Akkorde auf ihren Gitarren und einer von ihnen schaffte es, auf ein Sammelsurium von Schallkörpern einprügelnd, leidlich den Takt zu halten und so das Amt des Schlagzeugers auszufüllen.
Was den Herren fehlte, war ein Sänger. Ich zögerte nicht und nahm die vakante Stelle ein. Immerhin war man als Sänger einer Rockband in der Regel der Frontmann, also derjenige, der das Publikum anmachte, es animierte. Er hatte mindestens genauso gute Karten bei den weiblichen Fans, wie der Leadgitarrist. Jim Morrison und Robert Plant waren mir da die besten Vorbilder.
Musste noch ein griffiger Bandname her. Einer, der den Leuten im Gedächtnis blieb. Letztendlich war es unser Übungsraum, der uns inspirierte. Dieses kleine, stets mit einem schwachen, aber penetrant beißenden Gestank geschwängerte Kabuff lag direkt über den Schweineställen des Sindram’schen Bauernhofes mitten im Dorf und damit in unmittelbarer Nachbarschaft zu unserer Stammkneipe „Zum schwarzen Bären“, was uns sehr wichtig war. Zum Abschluss eines bierseligen Abends ließen wir die Atmosphäre dieses Raumes eine Weile auf uns wirken und nannten uns dann kurzerhand „Pigs on the Farm“.

Fast 30 Jahre später für einen letzten gemeinsamen Gig zurück auf der Bühne.

Unsere erste Bandepisode Mitte der 1970er Jahre kann ich rückblickend getrost als Einarbeitungsphase bezeichnen. Wir schrammelten altbekannte Folk- und Skiffle-Songs , deren Texte und einfache Akkorde wir aus irgendwelchen Lagerfeuer-Liederheften bezogen. Unser Publikum bestand zum großen Teil aus Geburtstagsgesellschaften im Dorf, die wir mitsamt Akustik-Equipment uneingeladen heimsuchten und mit unserer Musik überfielen.
Immerhin wurden wir nie achtkantig rausgeworfen. Im Gegenteil – mit zunehmender Dauer unserer Umtriebe stieg auch unser Bekanntheitsgrad und dank einer wachsenden Neugier brachten wir es zu diversen Auftrittseinladungen. Das machte Mut und die Ansprüche an uns selbst wuchsen. Wir entwickelten uns weg von den Lagerfeuer-Songs hin zum Rock’n’Roll. Wir investierten in „richtige“ Gitarren und Verstärker, das Schlagzeug sah endlich aus, wie man es von einem Schlagzeug erwartet. Darüber hinaus gesellten sich zwei Jungs mit Erfahrung zu uns. Als Musiker-Duo, spöttisch „Eddie und Tarzunkel“ genannt, hatten sie bereits einige Lorbeeren geerntet und verliehen unserer Band im Handumdrehen einen immensen Qualitätsschub. Damit änderte sich auch unsere Songauswahl. Aus „Country Roads“ und „Blowin’ in the wind“ wurden über Nacht „Good Golly Miss Molly“, „Jailhouse Rock“ und „Born to be wild“.
Wüste Gitarrensoli zierten jetzt fast jeden unserer Songs und ich grölte meine Texte ins Mikrofon – laut, roh, authentisch, vor allen Dingen aber unverständlich. Das war wichtig, denn ich hatte mir die Texte von Schallplatten und aus dem Radio abgelauscht, ohne hinterher zu wissen, ob das, was ich da gehört hatte, irgendeinen Sinn ergab. Hauptsache, es bewegte sich phonetisch einigermaßen nahe am Original. Lyrics aus dem Internet? Das waren seinerzeit höchstens die Träume von ein paar durchgeknallten Science Fiction – Fans!
Wir blieben lieber mit beiden Beinen auf dem Boden und befanden uns gleichzeitig auf einem Höhenflug durch die Region. Förste, Osterode und Teile des Harzes waren unser Revier. Hier konnte uns keiner das Wasser reichen.
Musikalisch gesehen, okay, da gab es Bessere. Aber wir waren wild, schräg und unberechenbar anders. Wir spielten Cover-Stücke, die dennoch ganz eigen(-artig) klangen. Und wir hatten Erfolg damit – ich meine, richtigen Erfolg! Davon zeugte insbesonders dieser eine Auftritt in unserer Heim-Diskothek, dem RTC in Förste. Ein Abend der Superlative in einem Saal, der aus allen Nähten platzte, mit einem Publikum, das wie wild zu unserem „Schweinerock“ abfeierte, und am Tag danach das Schlachtfeld aus zertrümmertem Mobiliar. Oder, als weiteres Highlight, der Auftritt als Vorband von „Mungo Jerry“ in der Osteroder Stadthalle!

2003, Sportplatz Förste – noch einmal Rock’n’Roll genießen.

Rückblickend auf unsere „Karriere“ sind mir zwei Sätze in Erinnerung geblieben, die ich immer wieder gern zitiere. Einer dieser Sätze stammt vom Mungo-Jerry-Manager, als der zu unserem Auftritt in der Osteroder Stadthalle befragt wurde.
„Ich habe schon schlechtere Bands gemanagt“, sagte er nur. Wir waren gerührt.
Mein Lieblingspruch jedoch ist der jenes Hardcore-Fans aus der damaligen Zeit. Voller Bewunderung meinte er: „Ihr Jungs seid echt klasse. Am besten seid ihr zwischen euren Songs!“
Solch ein Lob brennt sich für alle Zeit ins Gedächtnis.

Wir waren damals tatsächlich so etwas, wie Rockstars, Bonsai-Rockstars, wenn man einen Begriff aus der Botanik verwenden will. Aber nur so lange, bis innerhalb der Band die Ansprüche die eigenen Fähigkeiten überstiegen. Da half es auch nicht, dass wir uns mit einem holländischen Keyboarder mit Künstlernamen „Johnny Cooper“ etwas internationalen Glanz in die Band holten. Mit der Absicht, ernsthaft Musik machen zu wollen, verschwand allmählich der Spaß. Als logische Konsequenz folgte die Auflösung der Band zu einem Zeitpunkt, als ich längst kapiert hatte, dass mein Weg ein anderer sein würde, als der des Rock-Sängers. Ich hatte herausgefunden, dass ich lieber Geschichten erzählen wollte und das auch viel besser konnte.

Darum schreibe ich.

 

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