Die Festung

Wir nehmen ihnen ihre Ressourcen
und geben ihnen unsere Waffen.
Wir laden unseren Wohlstandsmüll vor ihrer Tür ab
und verscherbeln ihnen unsere Produktionsüberschüsse.
Wir wissen, in der Folge verhindert Preisverfall den fairen Handel
und zerstört ihre Existenzgrundlage.
Wir nehmen es gedankenlos hin.
Wir gewähren ihnen gnädig Asyl, sofern sie nachweisen können,
dass sie vor Krieg und Terror geflohen sind,
aber wir empören uns, wenn sie sich auf den Weg machen,
um sich und ihren Familien den Unterhalt zu sichern,
wenn sie, getrieben von Armut, Hunger und Durst
ihr Heil in den reichen Ländern dieser Welt suchen.
Dann nennen wir sie Wirtschaftsflüchtlinge
oder schlimmer noch, Asyltouristen.
Dann sind sie die Feinde, die es abzuwehren gilt.
Dann sind sie diejenigen, die wir an den Mauern der
Festung Europa abprallen lassen müssen.

Eine Festung – ich verstehe darunter ein Bollwerk,
das davor schützen soll, von einer gepanzerten
und waffenstarrenden Armee überrannt zu werden.
Aber die da vor den Festungsmauern, das sind bedauernswerte
Kreaturen, die zu uns kommen und um Hilfe betteln.
Und vor denen, so will man uns glauben machen,
müssen wir Angst haben, weil sie Schmarotzer,
Betrüger und Mörder sind,
die uns wegnehmen wollen, was uns lieb und teuer ist.
Vor denen müssen wir uns hinter unüberwindbaren
Grenzen verbarrikadieren.

Oh ja, wir brauchen diese Außengrenze weitab unserer
Wohlstands-Selbstzufriedenheit!
Um sie hier nicht mehr sehen zu müssen, die Eindringlinge,
deren Smartphones uns ein Dorn im Auge sind,
weil sie ihre Armut angeblich Lügen strafen.
Um sie uns vom Hals zu halten, die Kriminellen, die es auf
unsere christlich-abendländischen Stammtische abgesehen haben.
Sie müssen draußen bleiben, diese Allzweck-Sündenböcke!
Wir brauchen wieder Recht und Ordnung!
Auch wollen wir keine Bilder mehr sehen von Geretteten,
aufgegabelt im Mittelmeer und an Land gebracht.
Entziehen wir am besten den engagiert kämpfenden Lebensrettern
das Recht, nach Menschen in Seenot zu suchen
und sie aus dem Meer zu fischen.
Lassen wir sie lieber ersaufen, die Fliehenden,
als abschreckendes Beispiel für alle Nachahmer,
die sich aber trotzdem nicht zurückhalten lassen,
weil sie getrieben sind von ihrer Not, getrieben von dem Wissen,
dass ihr Zuhausebleiben den Tod bedeutet,
und von der verzweifelten Hoffnung, es vielleicht doch
in ein besseres Leben zu schaffen.

Wir glauben, wenn wir erneut Grenzen ziehen und Mauern bauen,
werden wir zu guter Letzt die Gewinner sein.
Aber es wird zuletzt kein Gut und keine Gewinner geben.
Wer diese Mauern und Grenzen baut, baut sie
auf den Trümmern der Menschlichkeit.
Und ohne Menschlichkeit sind wir die Verlierer.

Wir! Alle!

 

 

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